Luca di Montezemolo : Nur bei der Abfindungsfrage grinst der Gedemütigte - WELT (2022)

Ein Jahr bevor Luca de Montezemolo Boss von Ferrari wurde, hatte er sich einen Traum erfüllt. Als Belohnung für die Kärrnerarbeit als Generaldirektor des Organisationskomitees der Fußball-WM 1990 in Italien hatte er sich den neuen Ferrari 348 bestellt, doch die Freude währte kurz. Der achtzylindrige Mittelmotorsportwagen war eher Pein als Prämie.

Montezemolo, von klein auf ein Ferrari-Fan, pilotierte ein Fahrzeug, das in nahezu keiner Hinsicht dem Mythos der wohl leidenschaftlichsten Sportwagenschmiede entsprach. Sein Entsetzen behielt er für sich. Erst Jahre später, nachdem er den Laden in Modena aufgeräumt hatte, gab er in einem Interview zu, wie enttäuscht er damals war: „Das war das schlechteste Produkt, das Ferrari in langer Zeit geschaffen hatte.“

Das hatten auch andere bemerkt. Autotester bemängelten, dass die angegebenen Beschleunigungs- und Höchstgeschwindigkeitswerte eher optimistische Fantasieprodukte waren als harte Fakten. Die Schaltung hakte, das Blech schepperte, das Design erinnerte an einen zu heiß gewaschenen Versace-Anzug. Selbst wenn Ferrari in der Vergangenheit stets als liebenswerte Mängelprodukte verführten, war die Dimension der Produktenttäuschung zu groß.

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Auch, weil andere Sportwagenhersteller aufgeholt hatten. Das Understatement und die Zuverlässigkeit der Porsche hatten Standards geschaffen und nun war es ausgerechnet eine japanische Flunder, die Ferraristi weltweit schockierte. Der Honda NSX jagte den Ferrari nicht nur auf Autobahnen von der Überholspur.

Mit preußischem Elan krempelte er Ferrari um

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Als Fiat-Pate Gianni Agnelli in dieser Zeit Montezemolo fragte, ob er Ferrari übernehmen und damit retten wollte, sagte er schnell zu. Ferrari hatte nicht mehr viel Zeit. Die Verkäufe waren eingebrochen. Statt 4000 Ferrari im Jahr 1990 verkauften die Italiener ein Jahr später nur mehr knapp 2200 Stück.

Die miese Lage des Unternehmens erleichterte radikale Reformen. Alle Mitarbeiter wussten, dass es so nicht weitergehen konnte. Mit preußischem Elan ging der Piemonteser daran, die Firma umzukrempeln. Sie sollte wieder mehr werden wie er: nobel, elegant und verlässlich. Und damit auch des Gründers der Firma, Enzo Ferrari, würdig.

Diesen hatte Montezemolo schon als Student derart verehrt, dass er Anfang der 70er-Jahre in einer Radiosendung über die damalige Krise bei Ferrari anrief, um den Gründer, das Unternehmen und den Motorsport zu verteidigen. Obwohl nicht als Initiativbewerbung geplant, wurde dies der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. Der 74-jährige Ferrari hatte die Sendung gehört und schickte dem jungen Mann umgehend seine Biografie mit Widmung zu.

Wenige Monate später wurde er persönlicher Assistent, dann Leiter der Rennsportabteilung. Der Einserjurist war zu Studienzeiten selbst Autorennen auf Fiats und Lancias gefahren und konnte nun Leidenschaft und Managerehrgeiz einsetzen: für eine der ruhmreichsten Aufgabe des italienischen Sports, direkt nach der Squadra Azzurra.

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Die Scuderia Ferrari hatte 1973 ihren absoluten Tiefpunkt erreicht, das Team war das Gespött der Formel 1. Montezemolo ließ in dem heruntergewirtschafteten Rennstall keinen Stein auf dem anderen. Und wurde zügig belohnt. Mit Niki Lauda wurde Ferrari dreimal Weltmeister. Danach galt Montezemolo, 30-jährig, als Legende.

Als Heilsbringer verklärt, musste er in den 90er-Jahren beweisen, dass er kein One-Hit-Wonder war. Bei den Straßenfahrzeugen beendete er die manieristisch-exotische Phase, in der fragwürdige technische Lösungen in groteskem Design serviert wurden. Die vornehme Noblesse der Mailänder Oberschicht und die Anmut von Comer-See-Anwesen war einer lauten Vulgarität gewichen.

Montezemolo bewunderte Porsche

Letztere bewährte sich als dramaturgisches Detail für amerikanische Fernsehcops wie bei Miami Vice, nicht aber als Daily Driver für die Vertreter europäischer Königshäuser oder stilsicherer Mittelständler aus dem Rheinland, die neben den wunderbaren Porsches vor allem Ferrari fuhren. Unter Montezemolo wurde in rasanter Geschwindigkeit der Futurismus durch Klassizismus ersetzt und die Anfälligkeit der Technik reduziert.

Den Anfang machte der viersitzige 456, dessen zurückhaltende Linienführung an die Coupés und Gran Tourismos der 60er-Jahre erinnerte. Noch eleganter geriet das Spitzenmodell, der 550 Maranello, jener Zweisitzer mit dem Zwölfzylinder, der spektakuläre Fahrleistung mit einem Maximum an Dezenz verband. Auch das populäre „Einstiegsmodell“, der 355, hatte die DNA seines Urahnen, des 246 Dino, reaktiviert.

Die Konkurrenten in Zuffenhausen bewunderte Montezemolo für ihre in fast jeder Hinsicht perfekten Produkte. Gleichzeitig sah er im schwäbischen Perfektionismus auch eine Gefahr. „Die deutsche Technik ist immer auch etwas kühl, wie ein Kühlschrank.“

So deutete er die Divenhaftigkeit der Italiener, was die Zuverlässigkeit betraf, zur Stärke um. Italienische Technik sei „heiß“, wenn deutsche Journalisten ihn zu Porsche befragten. Nicht sonderlich heimlich verdonnerte er seine Ingenieure, Motoren, Getriebe und Fahrwerke so robust und standfest zu machen, wie die der überperfekten Deutschen.

Bei aller Akribie im Arbeiten pflegte Montezemolo eine gewisse Nonchalance beim eigenen Reden und Tun. Beim letzten Interview der „Welt“ erzählte er von dem gigantischen Investitionsprogramm: 20 Milliarden Euro werde Ferrari in neue Produkte stecken. Niemandem im Raum fällt auf, dass die Zahl falsch ist, und leider wird sie auch so gedruckt.

Der Pulloverträger jagt den König vom Hof

Erst danach meldet sich jemand aus der Pressestelle und fragt, ob man den Fehler in der Onlineversion beheben könne. Es seien nur zwei Milliarden an Investitionen. Auf die Nachfrage, warum dies erst jetzt korrigiert werde, schließlich sei der Pressesprecher ja dabei gewesen, antwortete dieser streng: „Wenn der Presidente das sagt, dann korrigiert man ihn nicht.“

Dies erklärt auch, wie sehr Ferrari auch nach dem Tod seines Gründers von ihrer Führungsperson geprägt wurde. Ferrari ist eine Art Monarchie. Und der Rücktritt, der eigentlich eine Entlassung ist, zeigt, wie der einst übermächtige König von einem Fiat-Boss im Pullover vom Hof gejagt wird.

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Vergessen wirkten die Triumphe in der Formel 1, dem wichtigsten Marketingtool von Ferrari. 1993 holte Montezemolo Jean Todt zur Scuderia, 1996 Michael Schumacher. Das Resultat: sechs Fahrertitel, acht Konstrukteurstitel. Ferrari war der Konkurrenz weit enteilt.

Im Jahr 2014 ist das nur noch bei ihren Autos so. Wenn Montezemolo in wenigen Tagen aufhört, könnten die Straßenfahrzeuge kaum besser sein. Sowohl der „kleine“ 458 wie der monströse „LaFerrari“ markieren in ihren Segmenten die Benchmark an Fahrspaß, Leidenschaft und Zuverlässigkeit. Nur mehr Porsche, weit weniger elitär, kann Sportwagen in dieser Qualität bauen – und zuletzt auch die aus Ingolstadt reanimierten Lamborghini-Konstrukteure.

Marchionne könnte die Stückzahl steigern

Ferrari kann es sich sogar erlauben, weniger Fahrzeuge herzustellen, als die Nachfrage zuließ. Jüngstes Beispiel sind die beeindruckenden Wartelisten für den 963 PS starken und knapp eine Million Euro teueren Supersportwagen „LaFerrari“. Fiat-Chef Sergio Marchionne lässt auf der Pressekonferenz durchblicken, dass die Stückzahlen von Ferrari steigen könnten.

Montezemolo senkte den Verkauf, um die Exklusivität der Marke Ferrari zu wahren. Im Jahr 2013 setzte Ferrari mit rund 7000 Stück rund fünf Prozent weniger Autos ab als im Vorjahr. Marchionne bekräftigt diese Strategie. Er sagt aber auch, dass er vielleicht mehr Autos produzieren lassen wird, um die Warteschlangen nicht allzu lang werden zu lassen.

Montezemolo verkörperte mit seinen gut sitzenden Anzügen, den feinen Krawatten, der lässigen Rolex und den perfekt baumelnden Einstecktüchern jenes Ideal des Ferrari-Besitzers, das nur ein Teil der Kundschaft einlöste. Er war das Gegenteil der Neureichen und Lauten, die sich auch in diese exzentrische Marke verliebt hatten.

Ihm, der aus einer Familie stammte, die Generäle, Kardinäle und Admirale hervorgebrachte, setzte immer wieder Zeichen programmatischer Bescheidenheit. Er fuhr in der Stadt am liebsten mit einem alten Fiat 500, und steuerte seine Hütte in den Dolomiten mit einem betagten Fiat Panda 4x4 an, obwohl sein Dienstwagen der Ferrari FF war, der erste Sportwagen aus Maranello mit Allradantrieb. Er war das Gegenteil des neureichen Ferrari-Kunden-Klischees, dem auch er oft ratlos gegenüber stand.

500 Millionen Euro oder ein Fiat 500?

Was geschieht mit Ferrari, wenn Marchionne die Kontrolle übernimmt? Der Präsident in spe betont, dass Ferrari „strategisch und operativ“ eigenständig bleibt. Doch es gilt als ausgemacht, dass Ferrari künftig aus der Zentrale gesteuert wird. War der Sportwagenhersteller bislang sehr autonom, so wird er nun stärker als bisher in den Konzernverbund eingebunden.

Ferrari soll zur „Schule“ für die anderen Luxusmarken Maserati und Alfa Romeo werden, deutete Marchionne an. Geschlossenheit zu demonstrieren ist vor dem Hintergrund des Börsengangs am 13. Oktober in New York wichtig. Die Investoren wollen sehen, dass Ferrari Teil der neuen Gesellschaft FCA ist. Einen Börsengang von Ferrari plant Marchionne nicht. „Das liegt nicht auf meinem Tisch.“

Am Ende der Konferenz herrscht Rätselraten über die Abfindung, die Montezemolo bekommt. Ein Journalist erhebt sich und fragt: „Die Rede ist von 15 bis 50 Millionen Euro. Können Sie uns eine Zahl nennen?“ Montezemolo sagt unter dem Gelächter von Marchionne: „500.“ Doch einer im Publikum kontert leise den Witz: „Sie meinen wohl einen Fiat 500“. Montezemolo grinst. Die Ferraristi werden ihn vermissen.

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Zum Schluss geht alles ganz schnell.. Seit Tagen wurde spekuliert, jetzt ist es offiziell: Luca Cordero di Montezemolo (67), verlässt nach 23 Jahren Ferrari .. Sein Nachfolger wird ab dem 13.. Mit dem Abschied Montezemolos geht ein Ära zu Ende.. Dem Italo-Kanadier (62), der Fiat seit 2004 vorsteht, schwebt vor, Ferrari wie andere Marken wie beispielsweise Maserati stärker aus der Zentrale zu steuern.. Wir haben Luca an die Spitze des Unternehmens gerufen, um die Eigenständigkeit zu bewahren.. Wenn man bedenkt, dass Ferrari die besten Piloten und eine Box von hervorragender Qualität hat, dann ist das nicht mit anzusehen“, sagte Marchionne.. Den Umsatz will er in diesen fünf Jahren von 87 auf 132 Milliarden Euro steigern.. Von Investitionen in Höhe von 48 Milliarden Euro über fünf Jahre ist die Rede.. Ferrari ist das Kronjuwel von FCA.. Der Agnelli-Clan, der Eigentümer von Fiat ist und aktuell von Fiat-Präsident John Elkann repräsentiert wird, stand lange zu Montezemolo.. Inzwischen hat sich die Familie auf die Seite von Marchionne geschlagen.. „Ich bedanke mich, auch im Namen der Familie, bei Luca für all das, was er für Fiat und Ferrari getan hat“, sagte Fiat-Präsident Elkann.. Und Montezemolo?

Werke über Mode, Jachten, viele Architekturbücher, Frank Lloyd Wright, Bildbände von Richard Avedon, Bücher über die Beatles und über Martin Scorsese, ein Buch über 60 Jahre Ferrari, ein Buch über 50 Jahre Ferrari, Winston Churchills Kriegsreden in fünf Bänden, die Geschichte des Risorgimento in sieben Bänden.. Luca di Montezemolo, inzwischen 70 Jahre alt, war bis vor drei Jahren und mehr als zwei Jahrzehnte das Gesicht der sagenumwobensten Automarke der Welt: Ferrari.. Er war aber auch, unter anderem, Generaldirektor des Traditionsgetränkeherstellers Cinzano, Verwaltungsratsmitglied der Edelschuhmarke Tod's und der Bankengruppe Unicredit, Präsident des italienischen Industrieverbandes, der Fiat Group und der italienischen Vereinigung der Zeitungsverleger.. Also stattete ich sie mit den entsprechenden Mitteln aus und sagte, dass sie sich voll auf die Konstruktion eines erfolgreichen Wagens konzentrieren können.. Von links nach rechts: Enzo Ferrari, Luca di Montezemolo und Niki Lauda (die Aufnahme entstand Mitte der Siebzigerjahre). Montezemolo: Als wir damals nach zwölf Jahren ohne Titel die Weltmeisterschaft gewannen, überbrachte ich Enzo Ferrari persönlich die Botschaft von unserem Sieg.. Die Szene erinnert an Leonardo da Vincis "Das Abendmahl"; der Wagen beherrscht die Bildmitte wie Jesus, um ihn scharen sich Techniker wie die Jünger.. Also: Wenn man den Börsenkurs von Ferrari steigern will, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man erhöht die Stückzahlen oder man erhöht die Preise.. Er ist die Antithese zu Montezemolo: Der Adlige mit den eleganten Anzügen hielt stets an einer idealistischen Strategie fest, verknappte das Angebot an Ferraris sogar künstlich, um sie noch exklusiver zu machen; Marchiones Markenzeichen sind Pullover und eine pragmatische Unternehmensführung, den Firmensitz von Fiat verlegte er von Turin in die Niederlande.. Es war eine Fehde von epischer Tragik, und es wäre nur allzu verständlich, wenn Montezemolo auf die Frage nach dem Umständen seines Abgangs mit einem eruptiven Hassmonolog antworten würde.. Ich vermisse die Gespräche über neue Modelle, wohin der Motor kommt, wie viele Sitze das Auto kriegt, die Gespräche über die Karosserieformen, die ich mit den Leuten von Pininfarina und dem Designcenter führte.

Ich habe viel von ihm gelernt, und er hat sich um mich gekümmert, als ich alleine in Maranello war.. Aber für einen Ferrari?. SPIEGEL ONLINE: Was stimmte den nicht an den Autos?. Das ist nicht Ferrari.. SPIEGEL ONLINE: Was vermissen Sie am meisten, seit Sie nicht mehr bei Ferrari sind?

Der ehemalige Chef des italienischen Sportwagen-Herstellers ist „sehr traurig“ über die Entwicklung, die die Scuderia in den vergangenen Jahren genommen hat.. Ich erinnere mich an mein Team, das mit Mauro Forghieri und mir sehr stark war.. Wenn er nicht gewinnt, macht er das auch mit dem Team.. Auch zu meiner Zeit gab es schwierige Momente, die es mit den Fahrern zu diskutieren galt.. Selbst als er bei Sauber fuhr, war er schnell und hat wenig Fehler gemacht.. Aber Michael oder Niki zuvor, als sie zu uns kamen, waren zu Beginn noch nicht so stark, wie sie es dann bei uns geworden sind.. Das ist auch wichtig für Charles, denn nächstes Jahr wird er einen enormen Druck ertragen müssen, weil sich Ferrari für einen zwar guten Fahrer wie Carlos Sainz entschieden hat, der aber die Nummer 2 sein wird.. Und ich denke, das hat sehr gut funktioniert.“

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Author: Manual Maggio

Last Updated: 07/11/2022

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